Boardwalk Empire: Ein Bild ist tausend Worte wert

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Offenkundig konnte HBO die Leier von den goldenen Sopranos-Zeiten, die unwiderruflich dahin seien, nicht mehr hören: Mit Boardwalk Empire versucht man ein neues Goldenes Zeitalter einzuläuten.

Wenn der Himmel dunkelblau wird und ein goldenes Glitzern die Bildschirmoberfläche elektrisiert, dann kommt ein Sturm auf die Zuschauer zu. Und zwar ein bildgewaltiger! Martin Scorsese, Steve Buscemi, Autor Terence Winter (The Sopranos) und HBO: Wie klingt das? Hinzu kommt, dass HBO allein für den 70-minütigen Piloten von Boardwalk Empire rund 20 Millionen Dollar hat springen lassen.  Dem Ergebnis sieht man an, wofür: Boardwalk Empire kommt daher wie Sergio Leones „Once Upon a Time in America“ in serieller Form. Die neue HBO-Serie spielt während der Prohibitions-Ära in Amerika (1920). Neben den exzellenten Darstellern und der mehrschichtigen Erzählung sind es die cinematografischen Waffen, mit denen Boardwalk Empire den Krieg um das US-Publikum für sich entscheiden konnte.

Am besten kann man die Serie als eine Fotostrecke mit Postkarten beschreiben: mit einer besonderen Vorliebe dafür, die Figuren mit der Kamera für unseren Blick zu ‚erarbeiten‘. Im Piloten nähert sich die Kamera im extremen Close-Up den wässrigen Augen Buscemis; im nächsten Moment fährt sie zurück und gibt den Blick auf das ganze Gesicht frei, in dem nun jeder Funken Zweifel, Reue, aber auch Genuss sichtbar wird.

Auch Atlantic Citys Promenade ist nicht nur mit Liebe zum Detail inszeniert und fotografiert, sondern die von Buscemi gespielte zentrale Figur Nucky Thompson scheint mit ihr zu verschmelzen. Zwei Szenen fallen im Piloten besonders auf; sie erzählen mehr über die Figur als alle Dialoge zusammen. Deren erste: Nucky steht vor dem Fenster des Inkubators ("See Babies That Weigh Less Than Three Pounds!" lautet die Aufschrift). Die Kamera filmt ihn dann von innen, so dass er in der linken Bildhälfte am Fenster- und Bildrahmen steht. Danach geht er zum Geländer und bleibt dort stehen, den Blick aufs Meer gerichtet. Aus einem Low Angle heraus (sehr typisch für den Piloten und für Scorseses Arbeiten) nähert sich die Kamera Nuckys Gesicht, dann filmt sie ihn von hinten. Die Farbe seiner Augen ist jetzt die Farbe des Meeres, die dem Zuschauer und Nucky vor Augen liegt. Wieder steht er links im Bild: als einzige Vertikale, außer ihm sehen wir nur die Horizontalen des Meeres, des Geländers und der Bank, die sich rechts im Bild befindet.

Die Zeit wird eingefroren. Das Bild könnte auch von René Magritte stammen: In dieser Aufnahme werden Emotionen aufgefangen und wie auf einer zeitgenössischen Postkarte präsentiert, so dass man beim Zuschauen einen salzigen Geschmack im Mund bekommt. Die Erzählung fließt dahin, als zöge sie in einer Fotostrecke von Bildern auf einem Negativfilm an den Augen der Zuschauer vorbei. Visuell wird das mit Hilfe "simulierter" Kameraschwenks dargestellt: Wenn sich die Erzählung von einem Handlungsort zum anderen bewegt, schwenkt die Kamera von links nach rechts; im Bild erscheint ein vertikaler schwarzer Balken, der den Schnitt versteckt, so dass man als Zuschauer den Eindruck eines fließenden Übergangs bekommt - wie zwischen zwei eingerahmten Fotos. Wo sich in Boardwalk Empire die Horizontalen und die Vertikalen im Bild treffen, bleibt der Zuschauerblick gefangen, bis die erzählende Kamera ihn fort trägt, weiter zum nächsten Bild.

Die erste Staffel von Boardwalk Empire läuft derzeit immer mittwochs um 20.15 Uhr bei TNT Serie.

 

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