Sehr gelungen ist die Synchronisation der Berliner Synchron-Firma TV + Synchron Berlin, die in enger Zusammenarbeit mit der Redaktion bei Turner entstand. Bei der deutschen Fassung, die unter der Leitung der Autorin und Regisseurin Karin Lehmann entstand, sind die deutschen Stimmen adäquat besetzt. Die Sprecher passen gut zu ihren Rollen und auch mit der Hintergrundatmosphäre, bei Synchronisation oft bemängelt, nahm man es sehr genau. Besonders zu würdigen sind die akribischen Vorarbeiten, auch der Hintergrundaktivitäten und noch so kleinen Details, an den man sich in Zukunft orientieren sollte. Ein durchaus gelungenes Synchronprojekt für eine anspruchsvolle Serie. Wie sind Sie zur Synchronisation gekommen? Ich hab eine Ausbildung zur Tonmeisterin gemacht und bin auf diesem Weg dann zur Berliner Synchron Wenzel Lüdecke gekommen. Und der Schritt, selbst Bücher zu schreiben? Ich hab bei einem Kollegen hospitiert, der das sehr gut konnte. Habe viele Stunden daneben gesessen und zugeguckt. Dann habe ich angefangen, selbst Bücher zu schreiben - und bin jetzt seit 1997 dabei. Eigentlich habe ich das mit der Tonmeisterei sehr gerne gemacht. Und wollte es immer noch weiter machen. Ich dachte, ich könnte immer mal wieder einen Film dazwischenschieben, bei dem ich den Ton aufnehme. Aber jetzt kann ich das wahrscheinlich gar nicht mehr, weil die Zeit so schnelllebig ist - und die digitale Technik schon so weit fortgeschritten. Ist so ein Quereinstieg eigentlich der normale Weg in der Synchronisation? Den Beruf gibt es ja nicht als Ausbildungsberuf.Alle, die das machen, kommen als Quereinsteiger herein. Bei der Synchronregie sind das meistens Leute, die vorher selbst gesprochen haben, von denen aber auch nicht alle ausgebildete Schauspieler sind. Gerade diejenigen, die da schon als Kinder reingewachsen sind wie zum Beispiel Oliver Rohrbeck. Da gibt es ganz viele hervorragende Sprecher - Gerrit Schmidt-Voss, Dascha Lehmann - die haben alle keine Schauspielschule besucht. Gerade diese sehr guten Sprecher werden immer wieder für Filme und Serien gebucht. Besteht da nicht die Gefahr, dass der Zuschauer deren Stimmen irgendwann über hat? Ja, deshalb bin ich auch sehr dafür, neue Stimmen auszuprobieren. Ich unterrichte Synchron an einem Bremer Institut, International Voice, das in Berlin Seminare fürs Sprechen in den Medien anbietet: Imagefilm, Overlay, Hörbuch, Hörspiel und eben auch Synchron. Das richtet sich nur an ausgebildete Schauspieler oder Musical-Darsteller - Leute, die Erfahrungen mit Spiel haben und noch mehr ihre Stimme einsetzen wollen. Und da hat man häufig richtig gute Leute dabei. In so einem Kurs sitzen maximal 16 Teilnehmer und da sind meistens ein oder zwei Leute dabei, die so gut sind, dass man sie sehr schnell fit machen kann für Synchron. Die merkt man sich dann? Die merke ich mir und die fördere ich auch, weil ich eben sehr dafür bin, dass wir nicht immer dieselben Stimmen hören. Wenn Sie eine neue Staffel zum Beispiel von Big Love auf den Schreibtisch bekommen, schauen Sie sich die dann direkt am Abend an? Nein, wir drehen ja von 9 bis 19 Uhr. Das ist schon ein hartes Pensum jeden Tag. Dann noch nach Hause kommen und die Folgen schauen...Das mache ich dann, wenn ich die Episoden texte. Wieviel Zeit haben Sie für das Texten? Die dritte Staffel von Big Love hatte 10 Folgen. Dafür hatte ich fünf Wochen Zeit. Danach ging es auch schon gleich weiter ins Atelier. Und fünf Wochen reichen? Fünf Wochen sind okay. Für eine Folge Big Love, die 50 Minuten dauert, brauche ich im Schnitt zwei Tage. Aber ordentliche zwei Tage. Da ist nichts mit acht Stunden... Wie muss man sich das vorstellen? Morgens wird der große Pott Kaffee gemacht - und dann wird das Zimmer zugeschlossen? lacht Ja, so ungefähr. Und wie gehen Sie beim Texten dann vor? Ich schau die Folge einmal durch, damit ich weiß, was auf mich zukommt. Es gibt ja manchmal böse Überraschungen, z.B. irgendwelche Massenszenen. Da weiß man schon direkt, dass man länger braucht. Diese erste Durchsicht ist auch wichtig, um ein Gefühl für die Folge zu bekommen; um zu wissen, was eigentlich passiert. Man kann schon mal ein wenig überlegen, wenn neue Begriffe eingeführt werden. Tja, und dann geht's los. Haben Sie eine Lieblingsfigur bei Big Love? Margene. Weil sie noch so unverbraucht ist. Und die Schauspielerin ist einfach unglaublich! Es gibt ein paar Szenen mit ihr, die sind, als hätte man die privat abgefilmt. So völlig ohne Allüren, so ganz bei sich. Die wird mal ein ganz großer Star, da bin ich mir sicher. Haben Sie sich vorher mit der Religion befasst, bevor Sie sich ans Übersetzen gemacht haben? Ja, als ich wusste, dass ich die Serie mache, hab ich natürlich alles gelesen, was ich darüber finden konnte. Ist die Kirche schon mal wegen der Übersetzung auf Sie zukommen? Nein, aber ich weiß von meiner Redakteurin, dass sie im Vorfeld Post bekommen hat, in der sich die LDS-Kirche von dem Inhalt der Serie distanziert. Das wird ja auch in der Serie selbst so dargestellt.Es geht um Fundamentalisten. Daran haben sich die amerikanischen Produzenten gehalten. Und das machen wir auch. Die Welt, die in Big Love erzählt wird, ist sehr patriarchalisch aufgebaut. Wie war ihre erste Empfindung als Frau dazu? Am Anfang hatte ich große Probleme damit. Gerade nachdem ich gerade vorher Tell Me You Love Me gemacht hatte. Auch die Sprecher hatten damit Probleme und konnten sich nur sehr schlecht damit identifizieren. Aber irgendwann wachsen einem die Figuren ans Herz. Und man sieht Dinge durchblitzen, die am Anfang in der Schwarz-Weiß-Malerei untergegangen sind. Es gibt da ganz viele Grautöne. Und das Schöne an der Serie ist, dass sie die Probleme sehr, sehr differenziert betrachten und es eigentlich dem Zuschauer überlassen, darüber zu befinden. Das mag ich sehr. Sie beschreiben die Probleme, aber sie urteilen nicht. Guckt man sich das Endprodukt eigentlich hinterher an? Doch, das schon. Was ich nicht mache: Ich gucke es dann nicht mehr im Fernsehen. Gerade bei Filmen ist es so, dass der Regisseur mit in die Mischung geht, wo er dann alles zusammen hört: Sprache, Musik, Geräusche, Atmosphären. Ist es schon mal vorgekommen, dass Sie die fertig gemischte Fassung noch mal nachglätten lassen mussten? Ja, das gibt's hin und wieder. Besonders, wenn die Redaktion sehr gründlich ist. Dann kommen sogar noch mal aus der gemischten Fassung Änderungen, wo ihnen zum Beispiel noch ein Übersetzungsfehler aufgefallen ist.Da ist unsere Redaktion natürlich besonders akribisch, weil das Sujet sehr heikel ist. Ist Synchronisation Ihr Traumberuf? Absolut. Welche Serien schauen Sie privat? Gar keine. Ich sitze wirklich jeden Tag vor der Röhre - und gucke mir danach gar nichts mehr an. Aber ich schaue sehr gerne in Foren rein, einfach um zu wissen, was Sache ist. Entsprechend bin ich auch auf oft bei Serienjunkies. Man muss als Regisseur einfach up-to-date sein, man muss sich mit den Schauspielern auskennen. Aber ich kann's einfach nicht selber schauen. Ich hab ja auch noch ein Privatleben. Derzeit zeigt der deutsche Pay-TV-Sender TNT Serie die US-Serie Big Love. Wer die Serie bislang verpasst hat, kann ab dem 25. März dieses Jahres alle drei Staffeln immer donnerstags um 21.45 Uhr ohne Unterbrecherwerbung im Zweikanalton sehen.